NSU-Morde – Eine Hinterbliebene berichtet

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Der Vater ermordet, die Familie unschuldig verdächtigt, von Freunden und Nachbarn ausgegrenzt. Der 4. April 2006 veränderte alles im Leben der Familie Kubaşık aus Dortmund. Als die damals 20jährige Tochter Gamze von ihrer Ausbildungsstätte zum Kiosk der Familie in der Nordstadt nach Hause kam, wurde sie dort von der Polizei empfangen. Ihr Ausweis wurde kontrolliert und sie erfuhr, dass ihr Vater schwer verletzt in dem Kiosk lag. Später wurde aus der Sorge Gewissheit. Mehmet Kubaşık (39), Ehemann und Vater von drei Kindern war ermordet worden.

20 Jahre danach berichtet Tochter Gamze im PZ der GSG über ihre Erfahrungen nach dem Mord: Nach der Tat wurden die Familienmitglieder von der Polizei verhört – als mögliche Tatverdächtige. Die Polizei äußerte den Verdacht, der Vater sei in mafiöse Strukturen verwickelt gewesen, hätte Drogen an Kinder verkauft. Auch eine mögliche heimliche Geliebte kam zur Sprache. Die unhaltbaren und am Ende als falsch erwiesenen Vorwürfe gelangten an die Öffentlichkeit, die Familie wurde von Nachbarn und Freunden verstoßen. Für die anerkannten Flüchtlinge aus der Türkei, brach ihre Welt zusammen.

Erst fünf Jahre später wurden die wahren Täter ermittelt. Es waren Rechtsextreme aus der NSU, dem so genannten Nationalsozialistischen Untergrund. Zwei Täter hatten sich das Leben genommen, die dritte Beteiligte und weitere Verdächtige kamen vor Gericht. Dort trat die Familie als Nebenklägerin auf und musste miterleben, dass beim Prozess anwesende Neonazis die Angeklagten mit Beifallsbekundungen unterstützten.

Noch immer sind die insgesamt neun Morde des NSU noch nicht vollständig aufgeklärt. Der Verfassungsschutz hält weiterhin einen Teil der Akten unter Verschluss, berichtet Gamze. Später verarbeitete sie gemeinsam mit Semiya Şimşek, einer Tochter eines weiteren NSU-Opfers und der Autorin Christine Werner ihre Erfahrungen in einem Buch mit dem Titel „Unser Schmerz ist unsere Kraft. Neonazis haben unsere Väter ermordet.“

Die Schilderungen von Gamze Kubaşık lösten unter den anwesenden Siebtklässlern große Betroffenheit aus. Als Sprecherin des Bündnis „Tag der Solidarität kein Schlussstrich Dortmund“ berichtet Gamze regelmäßig bei öffentlichen Veranstaltungen über die Geschichte ihrer Familie. Bei ihrem Vortrag in der GSG wurde sie unterstützt durch den Sozialwissenschaftler und Antirassismus-Trainer Ali Şirin. Gefördert wurde die Veranstaltung durch die Bundeszentrale für Politische Bildung.